Wir, ein Leuchten wie die Nordlichter: Eine sapphic Romance an der Küste Norwegens
Highlights
Seitdem fange ich jedes Jahr mindestens zwei neue Hobbys an, die ich nach ein paar Monaten wieder aufgebe.
Ich liebe sie, aber für ihre Spontanität könnte ich sie manchmal ohrfeigen. Nur ich darf spontane Entscheidungen treffen
In meinen Tagträumen bin ich eine abenteuerlustige Entdeckerin. Im echten Leben fehlt mir die Kraft dazu.
Gelesen habe ich heute noch nicht, nicht einmal darin geblättert, obwohl ich es mir vorgenommen habe. Aber ich kann mich nicht dazu aufraffen. Stattdessen starre ich wie gebannt aus dem Fenster, ohne wirklich etwas zu erkennen. Mein Blick verschwimmt mehr und mehr.
Ich sehe diese enge Bindung auch bei Harald und Ben. In meinem Leben gab es nie jemanden, dem ich mich so nahe gefühlt habe. Es ist Unsinn, das weiß ich, aber ich beneide sie. Oft fühle ich mich deswegen umso einsamer.
Trotz des Holztabletts und des darauf stehenden Geschirrs in ihren Händen, bewegt sie sich mit der Anmut einer Tänzerin, von der ich nur träumen kann. Sie ist nicht viel größer als ich, vermute ich, dafür aber schlanker, als ich es jemals war. An ihr ist alles perfekt und beneidenswert schön.
Seltsamerweise bringt mich das zum Schmunzeln. So hat sich seit Jahren niemand mehr bei mir vorgestellt. Macht man das heutzutage noch so, jemandem die Hand reichen? Ist sie nervös und versucht, es zu überspielen? Nervös meinetwegen?
Mach dich nicht lächerlich, rüge ich mich. Jemand, der so hübsch ist, hat kein Interesse an dir.
»Ich bin nicht hier, um nach einer Freundin zu suchen«, ist der erste, dumme Satz, der mir einfällt. Wirklich, Thea?
»Du bist royaler Besuch.« Sie stellt die Tasche hin und dreht den Schlüssel im Schloss. Auf ihren Lippen blüht ein verwegenes Lächeln, das Funken in meinem Bauch versprüht. Eine Hand legt sie flach auf die Brust, verneigt sich vor mir. »Und ich bin deine Dienerin.«
Mein Gehirn ist ein mieser Verräter, das weiß ich. Aber es kämpft mit Waffen, die ich weder besitze noch abwehren kann. Monate ist es her, seitdem ich das letzte Mal davon ausgegangen bin, zu sterben. Ein abscheuliches Gefühl.
Wenn die Muskeln in der linken Brust dir vorgaukeln, du wirst an einem grausamen Herzinfarkt zugrunde gehen, ohne dass dich jemand rechtzeitig findet.
Mir wird schwindelig. Schwarze Punkte tanzen in meinem Sichtfeld. Meine Brust wird enger.
Atme, Thea, befehle ich mir, und das tue ich. Durch die Nase ein. Durch den Mund aus. Ein und aus. Mir kann nichts passieren. Es ist nur mein dummes Gehirn. Eine Panikattacke kann mich nicht umbringen.
Vermutlich bin ich bloß verzweifelt. So verzweifelt, von jemandem wirklich gemocht zu werden, dass mein Gehirn Purzelbäume schlägt, wenn eine hübsche Frau nett zu mir ist. Ich kenne Tilly noch nicht lange, aber es will mir weiß machen, dass wir Freundinnen werden können.
Ich liebe meine Familie, aber manchmal sind sie mir zu viel. Alles ist mir zu viel.
Dass ich ihm geschrieben habe, Valeri, ich bin lesbisch, scheint ihn nicht zu interessieren. Vielleicht glaubt er, es ist nur eine Phase. Ihn zu daten war eine Phase meines Lebens, in der ich mich noch nicht selbst kannte.
Bunt wie mein Kleidungsstil. Zusammengewürfelt ohne Plan. Feminin, maskulin, androgyn – meinen Stil kann ich nicht definieren und vielleicht muss ich das auch gar nicht. Trotzdem wünsche ich mir manchmal, mein Kleiderschrank wäre weniger chaotisch. Eines Tages würde ich gerne meine Schranktüren öffnen und denken: Das bist du, Thea. Genau so.
In meinem Bauch prickelt es. Ich sollte nicht so nervös in ihrer Gegenwart sein, aber schöne Frauen haben mich schon immer schnell aus dem Konzept gebracht
»Ja, ich glaub schon. Wir hatten nie eine richtig enge Bindung. Sie war immer ein wenig … schwierig. Tante Miyu meint, ein Teil von ihr ist immer in Japan geblieben, auch wenn sie mehr als zwanzig Jahre in Norwegen gelebt hat.«
Obwohl mein Körper mir eindeutige Signale einer totalen Erschöpfung sendet, spielen hunderte Gedanken in meinem Kopf fangen. Ich will schlafen, aber mein Gehirn lässt mich nicht. Nicht zum ersten Mal fühle ich mich von dem verräterischen Ding im Stich gelassen. Kopfschmerzen pochen ebenfalls hinter meiner Stirn.
Vicky wollte mich nicht. Ich war ihr zu viel, zu anstrengend, zu sonderbar. Als ich am nächsten Tag mit dem Zug nach Hause gefahren bin, hat sie mir eine Abschiedsnachricht geschrieben.
Ich hasse es, wenn mein Gehirn und Körper sich abstoßen wie gleichpolige Magnete.
Attraktive Frauen haben schon immer eine magische Anziehungskraft auf mich gehabt. Für gewöhnlich werde ich nervös bei dem Gedanken, ihnen nahe zu sein. Fast so, als seien sie Göttinnen, deren atemberaubende Sinnlichkeit meine Augen verbrennen oder mich zu Staub verwandeln würden.
Bei Tilly ist es anders. Mir kommt es vor, als würde ich sie bereits Monate kennen, dabei weiß ich so wenig über sie. Ich möchte alles über sie erfahren, ihren größten Wunsch, ihre größte Angst, ihre Lieblingsfarbe und wie sie schläft.
Aber was, wenn ich wieder nur enttäuscht werde? Wenn sie wie meine ehemaligen Freunde ist? Was, wenn ich mich in sie verliebe und sie kein Interesse an mir hat, oder an Frauen allgemein?
Tilly summt noch immer eine Melodie, die mir nicht bekannt vorkommt. Kurz überlege ich, auf dem Absatz kehrtzumachen, zu gehen. Meine Naivität ist jedoch überraschend lautstark. Weder sie noch die Chance, Tilly nah zu sein, kann ich ignorieren.
Ihre Frage hallt in meinen Ohren wider. Mein schneller Herzschlag ebenfalls. Ich nähere mich ihr, berühre ihre Wange, traue mich nicht, ihr in die Augen zu sehen, doch ihren Blick spüre ich auf mir. Mit dem Zeigefinger nehme ich ihre Wimper auf, halte sie ihr hin.
Wir tauschen uns über alltägliche Dinge aus und ich finde heraus, dass sie Telefonieren genauso hasst wie ich, dass sie sich auch oft erschöpft und wie gelähmt fühlt. Sie sagt mir, sie wurde vor sechs Jahren mit ADHS diagnostiziert, und ich lache leise, mit Tränen in den Augen, weil ich seit einigen Jahren vermute, ebenfalls neurodivers zu sein.
Tilly strahlt, in ihren dunkelbraunen Augen liegt ein Glitzern. Bei den Asen, wie macht sie das nur? Wie schafft sie es, süß und gleichzeitig so verführerisch auszusehen?
Hör auf, sowas zu denken, ermahne ich mich. Mein Herz wurde gerade erst gebrochen. Ich darf mich nicht wieder verlieben, nur weil eine Frau mir Aufmerksamkeit schenkt. Vermutlich ist Tilly nicht mal an Frauen interessiert.
»Hättest du, ja.« Aus irgendeinem Grund klinge ich ernster, als ich vorhabe. In meinem Inneren wiegt etwas Schweres, ein Gefühl, das ich nicht benennen kann. Ich hasse meine raschen Stimmungswechsel.
Ich fühle mich tatsächlich betrunken und jeder Blick auf Tilly verstärkt das Gefühl. Ihr Lachen ist das Schönste, was ich je gehört habe, und ich möchte es schmecken, ihre süßen Lippen kosten wie einen ihrer Zimtknoten.
Tilly hebt eine Hand. Langsam nähern sich ihre Finger meinem Gesicht, berühren meine Mütze, wandern hinab auf meine Stirn und streichen eine feuchte Haarsträhne zur Seite. Ich halte den Atem an. Mir wird schwindelig.
»Ist das hier unser zweites Date?«, frage ich, ohne nachzudenken. Die Wörter purzeln einfach so aus meinem Mund.
Sie lächelt, ihre Hand schwebt zwischen uns in der Luft. Für einen Moment habe ich das Gefühl, dass sie ebenfalls nicht weiß, was sie tun soll. »Möchtest du das?«
»Ich liebe es! Erzähl mir alles!« Ich meine es, möchte ihr stundenlang zuhören, wie sie von ihrer selbst kreierten Welt spricht.
Es ist Montagmorgen, es regnet, und meine Motivation, das Bett zu verlassen, ist gehemmt durch die schwere Traurigkeit, die meinen Körper erdrücken will. Mein Unruhe stiftender Geist, wie Tilly ihn nennt. Ihrer heißt Knut. Vielleicht muss ich meinem wirklich einen Namen geben. Aber welchen? Was ist ein guter Name für eine verdammte Depression?
Sie fällt mir um den Hals. Ich erstarre, halte sie aber, ganz fest, spüre ihre zerzausten Haarsträhnen unter meinen Fingern. Ihr Atem geht heftig, streicht über meinen Hals, und ich will in dieser Umarmung verharren bis in alle Ewigkeit. Sie riecht so wunderbar. Wie von selbst wandert meine Hand langsam ihren Rücken hinauf.
»Aber solltest du über Bord gehen, werde ich dich natürlich retten«, raunt sie so dicht an meinem Ohr, dass ich Gänsehaut bekomme. Sie küsst meine Wange und tänzelt von mir weg die Straße hinauf. »Wir sehen uns!«
Bei den Asen. Weiß sie überhaupt, was sie gerade getan hat? Weiß sie, dass sie mich geküsst hat? Weiß sie, dass sie mich damit vollkommen aus dem Konzept gebracht hat?
Nicht nur habe ich ein Date mit dieser wunderbaren Frau, die so unglaublich süß ist. Wir werden ein Picknick-Date auf einer Insel haben, auf der außerdem eine Holzhütte steht. Gibt es etwas Romantischeres? Wie könnte ich dazu nein sagen?
In meinem Bauch grummelt die Angst. Es kann nichts passieren, rede ich mir ein. Du kannst schwimmen. Du trägst eine Rettungsweste. Tilly weiß, was sie tut. Es wird nichts passieren.
»Ich mag dich auch.« Der Hauch, den ihre Worte verursachen, streift meine Nasenspitze, meine Lippen. »Und ich wollte dich fragen, ob … ob ich … « Ihre Stimme bebt.
»Ich muss dir etwas beichten«, sagt Tilly. »Ich habe noch nie eine Frau geküsst, aber ich möchte nie wieder etwas anderes tun.«
Manchmal denke ich, ich hätte eine Katze werden sollen.